Rückblick 2016 2017-05-24T14:24:00+00:00

Fachtagung der Heimtierbranche setzt Impulse

Das Zusammenleben von Mensch und Tier stand im Mittelpunkt der zweiten Fachtagung des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe (ZZF) in Berlin. Rund hundert Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung, Bildungswesen, Tierschutz und Heimtierbranche diskutierten auf der Veranstaltung über die diesjährigen Schwerpunkte „Lernen und Erziehen mit Tieren“ und „Heimtiere in der Großstadt“.

Zu Beginn der Tagung stellte der Philosoph Peter Kunzmann ethische Betrachtungen über das Verhältnis von Mensch und Tier in unterschiedlichen Konstellationen an. Zum Abschluss ging die Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter auf die Haltung der Bundesregierung insbesondere zum Handel mit sogenannten Exoten ein und würdigte die konstruktive Rolle des ZZF in der Debatte.

In den Themenforen formulierten Podiumsteilnehmer und Gäste eine Reihe von Thesen und Anregungen an die Politik, die in dieser Zusammenfassung dokumentiert sind.

 

Begrüßung durch Norbert Holthenrich, Präsident des ZZF:

„Hautnah Tiere erleben ist eine Voraussetzung für den Tierschutz“.

Vor einigen Tagen habe ich gelesen, dass Tierhalter weniger fernsehen als Menschen, die nicht mit Heimtieren zusammenleben. Als Vater finde ich diese Nachricht sehr interessant. Wie viele andere Eltern bin auch ich daran interessiert, dass sich meine Kinder viel bewegen, dass sie kreativ sind und dass s ie ihre Lebenserfahrung mehr aus der faktischen Umwelt und aus der direkten Beziehung gewinnen als virtuell aus dem Fernsehen oder von Videospielen.

Dass Heimtiere hier offenbar eine positive Wirkung haben, ist leicht nachvollziehbar:

Familien mit Hund unternehmen viel miteinander, Katzenhalter spielen und schmusen mit ihren Tieren, Aquarien- und Terrarien-Fans haben sich nachweislich vor allem deshalb für ihr Hobby entschieden, weil sie die Tiere hautnah beobachten möchten. Da bleibt nicht so viel Zeit fürs Fernsehen. […]

Kinder, die in ländlichen Gegenden aufwachsen, haben oft einen unmittelbaren Bezug zu Schafen, Rindern, Pferden, Igeln, Hühnern oder auch zu frei laufenden Katzen. Kinder in der Stadt dagegen begegnen vorwiegend einer gebauten, technisch bestimmten Umwelt. Dazu kommt, dass Familien immer weniger Zeit haben, um in die Natur zu fahren oder auch die in der Stadt heimischen Tiere und Pflanzen wieder zu entdecken.

Dabei ist das Leben mit Tieren so wichtig für uns Menschen: Internationale Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass Tiere bei Kindern das Lernen unterstützen, das Sozialverhalten und insbesondere die Entwicklung von Verantwortungsgefühl stärken. Ich bin der Meinung, dass es sinnvoll und notwendig ist, den Kontakt zu Heimtieren in Bildung und Erziehung zu integrieren. In vielen Schulen und anderen Einrichtungen wird das bereits getan. […]

„Hautnah Tiere erleben“ ist auch eine Voraussetzung für den Tierschutz. Was wir kennen und lieben, wollen wir verteidigen. Das Leben mit Heimtieren kann uns für Singvögel und Krabbeltiere im heimischen Garten und schließlich für den Natur- und Artenschutz sensibilisieren. Oder auch für eine Stadtplanung, die wertvolle Naturräume in der Stadt erhält und ermöglicht.

Der ZZF tritt für eine Vielfalt in der Heimtierhaltung ein. Nicht nur Wirbeltiere wie Meerschweinchen oder Hunde sollten als Mitbewohner wertgeschätzt werden, sondern auch Garnelen, Insekten oder Spinnen. Das Zusammenleben mit Tieren auf engem städtischen Raum kann jedoch auch zu Konflikten führen. In unserem Diskussionsforum „Heimtiere in der Großstadt“ wollen wir deshalb über notwendige Regulierungen sprechen. Im Mittelpunkt stehen auch die Anliegen der Tierfreunde, der Naturschutz sowie die Bedürfnisse der Tiere, die in der Stadt leben.

 

Lernen und Erziehen mit Tieren

Kinder und Jugendliche erfahren Natur und Tiere abhängig von ihrem Wohnort und Umfeld auf sehr unterschiedliche Weise. Unabhängig vom Lebensumfeld sind Heimtiere wichtige Begleiter für Menschen aller Altersstufen und in allen Lebenssituationen. Bei jungen Menschen können sie die Erziehung und insbesondere die Entwicklung von Verantwortungsgefühl unterstützen. Es ist deshalb sinnvoll und notwendig, den Kontakt zu Tieren in Bildung und Erziehung zu integrieren.

Christiane Berger, Vorsitzende des Förderverein Schule am Sandsteinweg, beschrieb ihre Erfahrungen aus dem Einsatz von Tieren an der Schule und ihren Beitrag zur Verbesserung der Atmosphäre. Das zentrale Problem sei aber die Finanzierung solcher Angebote.

Die Psychologin Dr. Andrea Beetz betonte, dass der Kontakt zu Tieren bei Kindern Aggressionen untereinander reduziere und in Stresssituationen beruhigend wirke. Das sei in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen. Kinder gingen beim Einsatz von Tieren auch lieber in die Schule und hätten geringere Fehlzeiten.

Norbert Holthenrich, Präsident des ZZF, plädierte dafür, Kinder möglichst früh an die Tierhaltung heranzuführen. Der Fachhandel spiele hier eine wesentliche Rolle bei der Förderung der artgerechten Haltung und würde dabei durch das Fortbildungsangebot des ZZF unterstützt.

Gitta Connemann, Mitglied des Bundestags, betonte ebenfalls die hohe Bedeutung von Tieren für die kindliche Entwicklung und insbesondere die Entwicklung von Verantwortungsgefühl. Der Bund habe in diesen Fragen jedoch keine Regelungskompetenz. Er könne nur Projekte fördern, was jedoch mit keiner ausreichenden Nachhaltigkeit verbunden sei.

Thesen und Anregungen aus dem Forum

  • Tiere haben umfassend positiven Einfluss auf Entwicklung von Kindern und Jugendlichen
  • Gerade bei pädagogischem Sonderbedarf kann der Einsatz von Tieren auch die Lehrkräfte entlasten
  • Tiere und Tierhaltung müssen stärker in die Lehrpläne und Lehrmaterial integriert werden
  • Früher Kontakt zu Tieren stärkt artgerechte Heimtierhaltung in der Gesellschaft
  • Sachkunde der Lehrkräfte muss gestärkt werden
  • Förderprogramme zur Finanzierung der Ausbildung der Lehrkräfte und des Einsatzes von Tieren in Schulen
  • Bündelung der Interessengruppen zur Förderung der Tierhaltung und des Tiereinsatzes in Schulen ist notwendig
  • Stärkung der Forschung zur Mensch-Tier-Beziehung und tiergestützter Intervention
  • Sachkundevermittlung bei Verkauf und Vermittlung von Tieren ist notwendig

Heimtiere in der Großstadt

Die deutschen Großstädte beherbergen Millionen von Heimtieren. Das Zusammenleben von Menschen und Tieren in der Stadt birgt oftmals Konflikte und wirft Regelungsbedarf auf. Zentrale Themen sind dabei Rasselisten für Hunde, Auslaufflächen, die Kastration freilaufender Katzen aber auch die Haltung von exotischen Tieren in Privatwohnungen.
Ines Krüger, 1. Vorsitzende des Tierschutzvereins für Berlin, wies darauf hin, dass die Tierheime das letzte Glied einer Kette seien und im Zweifel nicht mehr vermittelbare Hunderassen und exotische Tiere versorgen müssten. Der Flickenteppich der Regelungen im Föderalismus sei für den Tierschutz ein Drama.

Claudia Schmid, Abteilungsleiterin Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz, betonte dagegen die eigenverantwortliche Regelung des Tierschutzes durch die Länder und die Berliner Bezirke. Sie warnte davor, neue Vorschriften zu fordern, deren Durchsetzung die Verwaltung personell nicht leisten könne.

Für den Tierarzt Dr. Fabian von Manteuffel gibt es ein Recht auf Tierhaltung für Menschen nur dann, wenn sie eine artgerechte Haltung sicherstellen können. Jeder suche sich das Tier aus, das ihm entspreche, die Haltung von Reptilien werde dabei technisch immer leichter gemacht.

Birgit Menz, Mitglied des Bundestags, warb für das gemeinsame Erleben von Tieren, z.B. in Streichelzoos für Kinder. Tiere müssten nicht immer selbst gehalten werden. Sie forderte, dass der Bund die finanzielle Verantwortung für die Tierheime übernehmen oder zumindest die Länder dazu in die Lage versetzen solle.

Thesen und Anregungen aus dem Forum

  • Verantwortungsbewusstsein der Tierhalter muss gestärkt werden.
  • Neue rechtliche Regelungen allein helfen nicht, es kommt auf die Umsetzung an. Knackpunkt ist meistens die Finanzierung.
  • Rasselisten haben direkte Konsequenzen für die Tierheime, die am Ende der Kette stehen und die Tiere versorgen müssen.
  • Finanzierung der Tierheime sollte öffentliche Aufgabe sein.
  • Föderalismus erschwert die Umsetzung von einheitlichen Tierschutzstandards.
  • Artenvielfalt in der Großstadt ist wünschenswert
  • Verbote für Haltung und Handel bestimmter Tierarten führen zum Abwandern in die Illegalität
  • Recht auf Tier setzt artgerechte Haltung voraus
  • Sachkundenachweis für die Haltung von Tieren ist empfehlenswert

„Tiere sind keine x-beliebige Ware“

Rede von Rita Schwarzelühr-Sutter, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit

[…] Heimtiere sind ein Bestandteil nicht nur unserer Umwelt, sondern auch unseres sozialen Umfeldes. Sie machen Freude, sie können den Tagesablauf strukturieren, sie lehren Verantwortung und sie können unsere Freunde werden – wenn wir gut und artgerecht mit ihnen umgehen. Ihr Verband ist der Sachwalter aller Fachbetriebe, die für Menschen mit Heimtieren arbeiten. Sie kümmern sich damit auch um die Tierinteressen. Das ist wichtig und notwendig, weil Tiere eben keine x-beliebige Ware sind.

Aber immer öfter werden exotische Tiere als Heimtiere gehalten. Wir beobachten einen ungebrochenen Trend. Das Spektrum reicht von Amphibien, Reptilien, Fischen oder Vögeln bis hin zu Säugetieren. Das ist leider in vielen Fällen das Gegenteil eines verantwortungsvollen Umgangs mit Tieren! Teilweise werden exotische und seltene Tiere über das Internet oder Tierbörsen in großen Mengen und rücksichtslos gehandelt. Und wenn sie die lange Reise überhaupt überstehen werden sie anschließend häufig nicht artgerecht gehalten. Gelegentlich entweichen sie oder sie werden auch ausgesetzt. Diese exotischen Tiere sterben, oder sie erweisen sich als invasiv und verdrängen einheimische Arten. Oder sie verbreiten hier bislang unbekannte Krankheiten.[…]

Wir wollen den Handel mit Wildtieren nachhaltig gestalten. Das ist ein grundlegendes Ziel der Bundesregierung und ich würde mir wünschen, dass der ZZF dabei ein wichtiger Kooperationspartner ist. Aus meiner Sicht als Naturschutzstaatssekretärin muss in einem umfassenden Sinne sichergestellt sein, dass die Nachfrage nach Heimtieren keine Wildtiere in ihrem Bestand gefährdet. Weder bei uns noch in fremden Ländern. Das betrifft die gehandelten Arten und auch Wildtiere, die zwar nicht gehandelt werden, aber durch die gehandelten Arten in irgendeiner Weise zu Schaden kommen können.

Mein Haus prüft daher gemeinsam mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium, ob es sinnvoll und möglich ist, eine nationale Verordnung zu erlassen, die Anforderungen an die Haltung formuliert: aus Tierschutzgründen, wegen Invasivität oder Giftigkeit, zur Vermeidung der Ausbreitung von Tierseuchen oder aufgrund anderer Gefahren. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat eine Studie in Auftrag gegeben, das sogenannte EXOPET-Vorhaben, damit wir auf einer gesicherten Datenbasis handeln können. Wir warten auf die Ergebnisse, um einschätzen zu können, ob dies ein geeigneter Weg ist, bevor wir Änderungen in die Wege leiten.

Einen Schritt weiter sind wir in Europa bei der Bekämpfung des illegalen Wildtierhandels. Die EU-Kommission hat am „Tag des Artenschutzes“ Anfang März einen Aktionsplan vorgelegt. Damit greift sie zum Beispiel unsere Forderung nacheinem europaweiten Wiederausfuhrverbot von Vorerwerbs-Elfenbein auf, wie wir es in Deutschland schon angeordnet haben. Aber leider greift der Aktionsplan in einem Punkt aus meiner Sicht zu kurz. Wir hatten vorgeschlagen, dass die Einfuhr von Arten in die EU verboten wird, wenn deren Ausfuhr in dem Ursprungsland nach dortigem nationalem Recht verboten ist.

Ich weiß, dass Sie diese Position grundsätzlich teilen, dafür danke ich Ihnen. Aber es ist leider eine Tatsache, dass viele Ursprungsstaaten Fangverbote für ihre Tierwelt erlassen haben, gleichwohl aber Exemplare dieser Tierarten im internationalen Handel auftauchen – auch bei uns in Deutschland. […]

Das gilt zum Beispiel auch für den „psychedelischen“ Gecko, ein wunderschön gefärbtes Tier, das aussieht, als sei es quer durch den Malkasten gesprungen. Er wurde erst 2010 entdeckt, in Vietnam, auf einer kleinen Insel, gerade mal rund doppelt so groß wie das Tempelhofer Feld in Berlin. Selbstverständlich ist der Gecko geschützt, aber wenn Sie seinen wissenschaftlichen lateinischen Namen bei Google eingeben – dann ist der erste Ergänzungsvorschlag „for sale“ – „zu verkaufen“. Mit einem einzigen weiteren Klick sind Sie bei einem Angebot, das explizit auf die bevorstehende CITES-Listung hinweist und dazu auffordert, das Tier zu erwerben, so lange es noch geht – „get them while you can!“ […]

Das Ziel ist ausdrücklich nicht, den Wildtierhandel generell zu verbieten. Weil von einem verantwortungsbewussten Handel auch positive Impulse ausgehen können. Das gilt etwa für eine naturverträgliche Entnahme, für einen tierschutz-gerechten Transport und für artgerechte und sichere Haltungsbedingungen. Und das gilt auch für eine deutliche Zurückhaltung bei der Erweiterung des Angebotes. In diesem Zusammenhang begrüße ich die Selbstbeschränkungen im Handel mit Heimtieren, die ihr Verband seinen Mitgliedern auferlegt. An einem Punkt möchte ich allerdings darüber hinausgehen: Aus meiner Sicht brauchen wir ganz sicher keine neuen exotischen Arten in Privathand. Aber wir müssen ja auch nicht immer einer Meinung sein.

Ich weiß und will hier ganz ausdrücklich hervorheben, dass sich Ihr Verband und die Mitgliedsbetriebe des ZZF aktiv von dubiosen und illegalen Geschäften abgrenzen. Mehr noch: Sie engagieren sich mit Ihren Förderprojekten aktiv in Forschung, Tier- und Artenschutz. Das ist gut so, denn wir brauchen eine seriöse Stimme im Tierhandel.

Im Detail sind wir vielleicht nicht immer einer Meinung über den Weg. Aber wichtig ist unser gemeinsames Ziel, die biologische Vielfalt und den natürlichen Reichtum auch für zukünftige Generationen zu bewahren. Es gibt – neben Hund, Katze, Meerschweinchen, oder Wellensittich – genügend Tierarten für die Aquarien und Terrarien verantwortungsvoller Tierfreunde. Der „psychedelische“ Gecko dagegen hat das Recht, auf seiner eigenen kleinen Insel zu überleben – und gehört nicht in die Terrarien falscher Tierfreunde.

Fazit: Gemeinsam nach Lösungen suchen!

„Uns allen ist daran gelegen, mit Tieren umsichtig und verantwortungsvoll umzugehen. Wir sind uns dabei über den richtigen Weg nicht immer hundertprozentig einig. Ein Weg ist es jedoch immer wieder, im Gespräch zu bleiben und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.“ Norbert Holthenrich, Präsident des ZZF

Die Fachtagung hat für Politik und Branche eine Vielzahl neuer Erkenntnisse und Ideen gebracht. Der ZZF wird die Anregungen in seinen Gremien diskutieren, weiterbearbeiten und in die politische Positionierung der Heimtierbranche einfließen lassen.

Der ZZF wird der Diskussion über die gesellschaftliche Bedeutung von Heimtieren und der Sicherung des Tierwohls im Heimtierbereich auch in Zukunft ein offenes Forum bieten. Politik, Verbände und Branche müssen im Gespräch bleiben, um gemeinsam eine gelungene Tier-Mensch-Beziehung zu schaffen.

Bilder der Fachtagung: